Deutschland gut!

Richard fällt plötzlich ein, wie Raschid vor einigen Tagen, als es um die Abschiebung ging, gesagt hat: Die wollen uns hier wirklich nicht haben. Sie wollen uns wirklich nicht.
Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen

50×50, Tag 45

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Ich überlegte, wie viel Wegzoll mich ein Spaziergang kostete, war in Addis Abeba und Max trank Hirsemilch aus Tetrapack.
(Vortag: Wegpfand / Folgetag: Quo vadis?)

Profane Beobachtung

2021
Eine kleine Katastrophe zu Coronazeiten kann das Ende des Wasserkochers sein. Meiner kündigte tagelang an, dass er demnächst seinen Dienst quittieren würde, wollte erst gar nicht mehr aufhören zu kochen (gefährlich, weil ich mich derweil im Wohnzimmer zu anregender Musik morgengymnastisch dehnte) bevor er das Kochen gänzlich aufgab. Das Aufschrauben des streikenden Geräts förderte keine sichtbaren Schäden zutage, ins Repaircafé gehen geht gerade nicht. Also weg damit. Was mache ich denn nun, dachte ich, und erinnerte mich daran, dass Wasser auch in Töpfen erhitzt werden kann.

Profanes Leiden des zeitgenössischen Konsumenten ist die Qual der Wahl. Da derzeit kein Fachgeschäft zugänglich ist, wo ich mich beraten lassen könnte, musste ich wohl oder übel googeln. Warum, fragte ich mich angesichts endlos vieler Listen mit durchschnittlich mehr als 200 Wasserkochern, warum braucht der Mensch eine so enorme Auswahl? Was muss ein Wasserkocher können außer möglichst energieeffizient möglichst schnell Wasser zu kochen (ohne es mit Schadstoffe anzureichern)? Er sollte schick sein. Design, das ich auch als solches empfinde, kostet aber sofort deutlich über 100 Euro. Die Warentests sagten nein dazu. Der Ökotest schlug mir ein passendes und preisgünstiges Modell vor, ein deutsches Versandhaus bot es günstig an, ich klickte auf Bestellen und schon am nächsten Mittag klingelte der Postbote. Ich kann es immer noch nicht fassen.
Ich erhielt nicht nur einen neuen Wasserkocher, sondern dazu auch Beipackzettel-Prosa geliefert, die mich zum Kichern brachte, mir aber auch eine Gedankenbrücke zur sogenannten Flüchtlingskrise von 2015 bietet:

Standort- statt Serviervorschlag?

Gedanklich ergänzte ich die Liste mit:
– in Notunterkünften für Geflüchtete?

Weckruf

2015 standen jene, die sich in Menschenzügen über den Balkan schleppten – erschreckende Bilder der Not, die an Geschichtsbücher gemahnten, aus lange vergangen gewähnten Zeiten – jene standen plötzlich in der Kälte Berlins in langen Schlangen vor Ämtern. Das darf doch nicht wahr sein!, dachte ich, hier ist Deutschland, eines der erfolgreichsten Länder der Welt und stinkreich! Aber vollkommen überfordert. Ganz offensichtlich fehlten die Dispositive für humanitäre Katastrophen.

Mir, wie auch vielen anderen, ließen die Bilder keine Ruhe. Ich hatte 2015 relativ viel Zeit und wollte diese helfend einsetzen. Die Zivilgesellschaft in Deutschland ist gut organisiert und agil. Schnell gab es Webseiten, auf denen ich mich zu Schichten in Notunterkünften eintragen konnte und die wichtigsten Informationen erhielt. Ich wollte auf keinen Fall dumm im Weg stehen. Helfenwollen ist zwar ein guter Impuls, darf aber den Profis keinen Mehraufwand bescheren.

Kleiderkammer

Mir bebt der Unterkiefer, wenn ich an die Turnhallen denke, in denen die Angekommenen ohne Privatsphäre auf dichtgedrängten Klapp- und Stockbetten saßen. Zermürbt von der mühseligen Flucht, den ungewissen Aufenthalten in schlechten Unterkünften, manche ohne Dach, dem permanenten Aufeinanderhocken, den Ängsten, der Einsamkeit, des gegenseitigen Misstrauens, unterwegs alles verloren, nur ein paar Dokumente in Plastik gehüllt eng am Körper.

Mit einem breiten Lächeln öffnete mir ein außerordentlich gutaussehender Iraker aus Mossul die Tür, mit pechschwarzen Haaren, wellig frisiert wie in einer Liebesschnulze aus vergangenen Zeiten.

Ich trat eine Schicht in der Kleiderausgabe an. Zuerst mussten im engen Raum die angelieferten Spenden einsortiert werden. Dann kamen die Männer paarweise herein und später die Frauen.
Ich fühlte mich wie in einer Second-Hand-Boutique in der ich auf Dinge zeigte und „Hose“ sagte, oder „Jacke“ oder mit dem Fingern zählte. Für die Geflüchteten war der tägliche Besuch in der Kleiderkammer auch ein bisschen Abwechslung. Als die meisten mit einigermaßen warmen Kleidern etc. ausgestattet waren, öffnete die Ausgabe nicht mehr täglich und ich wechselte zur Essensausgabe.
Zuerst achtelten wir Fladenbrote und kochten Wasser für die Wärmewannen für das Essen und die Thermoskannen für den Tee. Danach schöpften wir den Anstehenden. Meistens blieb ich danach noch ein bisschen in der Halle für ein Schwätzchen und Hilfe, falls nötig.

Der Iraker kam an meinem ersten Tag zu mir, strahlte mich an (ich fiel fast in Ohnmacht ob seinen Aussehens) und sagte: Deutschland gut! (Uiuiui, dachte ich, wenn der wüsste.)
Mit ihm und vielen anderen Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen, darunter auch einige Schwule, denen ich seither öfter in der Szene begegne, durfte ich ein paar Monate lang einen Alltag erleben, der zwar von Turnhallenmief überschattet, aber trotzdem voller Lächeln war. Wie heißt Du? Wer bist Du? Schön bist du hier!

Maison Du Futur

2027
Max: Früher hieß es die Russen kommen. Niemand dachte an die Chinesen.

Eingangszitat:
Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen, Penguin, 2017. S.216

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    ich kenne das Buch und ebenso die Arbeit mit Geflüchteten von Anfang an, später und bis heute im Bundesfreiwilligendienst, immer wieder eine unsagbare BeReicherung in der Begegnung nach unvorstellbaren Wegen hierher…
    Dankbar fällt mir ein, wenn ich an die denke,
    Sabine.

    Gefällt 1 Person

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