Wegpfand

Except for the sadness and silence: you can get rid of the evidence of your crime, but the sadness and silence remain.
Ahmed Khaled Towfiq, Utopia

50×50, Tag 44

50 Tage lang, vom 7. Dezember 2020 bis ich am 25. Januar 2021 Fünfzig werde, blogge ich täglich zu dem was war, was ist und was sein könnte. Jeden Tag komme ich der Gegenwart ein Jahr näher aus der Vergangenheit (beginnend mit 1971) und der Zukunft (von 2071 zurückzählend).

Was bisher geschah: Vor lauter schriftlichen Ergüßen begannen meine Sehnenscheiden zu entzünden und ich musste aufgeben, wie damals, als es zum Bruch kam.
(Vortag: OnanOmen / Folgetag: Deutschland gut!)

Restmüll

2021
Immer wenn ich weg war und wieder in Berlin ankomme, fällt mir auf wie schmutzig die Stadt ist, überall liegt Müll, siffige Matratzen, einbeinige Stühle, zerbeulte Kochtöpfe, Einwegflaschen à gogo, schiefe Kühlschränke, Fernsehgeräte mit eingeschlagenem Bildschirm, Fahrradleichen, Plastiktüten und Verpackungsmaterial, alles achtlos auf den Gehsteig geschmissen, egal wie penetrant charmant die orangen Mülleimer auf Schritt und Tritt in der ganzen Stadt zu fachgerechter Entsorgung ermuntern. Nicht etwa, dass ich je besonders pingelig gewesen wäre und auch altersbedingt hoffentlich nie werde, aber es fällt mir auf.

Um einigermaßen in Bewegung zu bleiben, mache ich täglich einen Spaziergang. Manchmal habe ich einen Pfandbecher dabei, weil es Kaffe derzeit nur ToGo gibt. Ich müsste Wegpfand im Recup mitführen, weil mir auf alle paar Meter eine bedürftige Person ihren schmuddeligen Becher, oder eine von Kälte steife Hand mit schwarzen Fingernägeln entgegenstreckt. السلام عليكم as-salāmu ʿalaikum, werde ich klimpernd von einer tief Gebückten begrüßt, die es auch mit ¿Hablas español? versucht, als ich ablehnend den Kopf schüttle.
Es ist eine tägliche Herausforderung; diese darüber hinweg schauende Betroffenheit, dieses leicht angeekelte Mitgefühl, dieses wann gebe ich wem warum wie viel und wie oft. Jeder Spaziergang kostete mindestens 10 Euro Wegzoll, würde ich allen geben. Ich gebe eher selten und meistens nur denen, die mir täglich begegnen, die immer am selben Ort stehen und so irgendwie auch Nachbar:innen sind.
Wie eine Naturgewalt nehme ich die Armut Anderer hin, vielleicht sind sie selber schuld, vielleicht das System. Weiß der Teufel.

Renovierung

2014
Weil es (hier) brannte, wurde ich vorübergehend obdachlos.
Glücklicherweise hatte ich zu dem Zeitpunkt eine Beziehung (eine seltene Koinzidenz) und kam bei meinem Freund unter. Schweizerische Verhältnisse gewohnt, rechnete ich mit zwei bis drei Wochen Renovierung. Es dauerte vier Monate.
Ich kam mit geringem materiellen Schaden davon, hätte genügend Sofas bei Freunden temporär beschlafen können, erhielt sogar einen kleinen Zuschuss von der Versicherung.
Andere, deren Lebensverhältnisse fragiler sind, hätte es vielleicht aus der Bahn geworfen.

Recycling

Ende 2014 flog ich nach Addis Abeba wo ich dem Videokünstler Christoph Oertli bei den Vorbereitungen zu einem Dreh half. Ich war noch nie in Afrika––
Ich habe hier und jetzt angefangen darüber zu schreiben, kam aber nach wenigen Abschnitten zum Schluss, dass ich es besser lasse, weil im Blogformat, das ein kurzes und schnelles ist, eine erinnernde Annäherung zu klischiert geriete, à la Weißer Mann in Afrika.
Ich erwähne Addis dennoch, weil mir neben tausend anderen Sachen dies aufgefallen war:
Die sauberen Straßen. Restlos alles, im wahrsten Sinne des Wortes, wurde wieder verwertet, nichts war wertlos.
Ich sah außerdem die Knochen unserer Urahnin Lucy und dachte an den Überfluss den wir Nachkommen in Europa herstellen, um ihn achtlos weg zu werfen.

Maison Du Futur

Ben zu Max: Und was willst Du mit dieser Geschichte sagen?
Warum?
Du produzierst doch auch haufenweise Müll, ist deine tägliche Hafermilch aus dem Tetrapack ans Müsli wirklich nötig?
Hirsemilch, Ben, Hirse. Ist gut für den Haarwuchs. Ich hätte heute sonst kein Haar mehr auf dem Kopf, oder ein Toupet wie Liberace.
Lenk nicht ab, Max!
Legst Du es auf ökologisch Arm-, ehm, Fußabdrücken an?
Denkst Du denn gar nicht an die nächste Generation?
Habe ich Kinder zur Welt gebracht? Eins, zwei oder drei?
Das ist nicht der Punkt!
Genau, dein Primark-Shirt ist der Punkt, ehm, der Gipfel.
Das ist von bewaffneten Engeln produziert, Biobaumwolle, fairtrade und so.
Mhm. Also ich hab an meinem 55igsten 550 Bäume gepflanzt. Eigenhändig. Und von den 700 Tannensprösslingen in der Uckermark sind inzwischen auch–
Du bist ständig hin und her geflogen!
Genau, in der Vergangenheitsform.
Du willst immer das letzte Wort haben!
Nö.

Eingangszitat:
Ahmed Khaled Towfiq: Utopia, Bloomsbury, Doha, 2011. S.134 (Übersetzung aus dem Arabischen. Original: Cairo, 2009)

2 Kommentare

  1. Lieber Urs,
    ja, der Armut zu begegnen, ist nicht in der Größenordnung wie in Berlin, aber auch in Iserlohn, eine tägliche Herausforderung, der ich mich auch nicht immer gewachsen fühle, aber versuche im Kleinen gerecht zu werden, für die, die ich kenne und mit Henni zusammen als Spende von jedem ihrer Kalender, das sinnvoll eingesetzt wird.
    Nachdenkliche Grüße
    Sabine.

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