Sturm (Sommervariation III)

Max wurde sturm, schwindelig auf Berndeutsch, am schwullesbischen Parkfest im Volkspark Friedrichshain. Befördert von vielen Bieren, befördert von Cher, die Abba covernd aus den Lautsprechern dröhnte. Ach ja, die spielt im Sequel von Mamma Mia mit, auch das noch. Später wurde der Sound noch schlimmer, scheppernder Eurotrash. Den Leuten schien es zu gefallen, besonders denen mit den strähnchendurchwirkten Frisuren und den vielfältig gepiercten Gesichtern.

Max stand mit Freunden vor einem Bierstand und fühlte sich akut einsam. Er ließ seinen bereits etwas trüben Blick über die tausend tanzenden Regenbogenbunten schweifen und dachte, warum. Warum sind da so Viele und warum bin ich immer noch Single (Hasswort!)? Er schaute in den Abendhimmel, sah erste Sterne aufblitzen und dachte an die Milliarden Menschen, die mit ihm auf diesem Klumpen Erde um die Sonne kurven. Milliarden. Das ist ein gewaltiger Heuhaufen. Darin Max auf seiner Erbse saß, wie die Prinzessin aus dem Märchen. Welcher darf’s denn sein, Hoheit?

Verdammt noch mal, fluchte Max, nicht DEN Einen. Einer genügt. Die Exklusivitäts-Illusion hatte er längst entblendet. Schau Dir all diese Hauptsache-Nicht-Allein-Paare um Dich herum an. Und ebenda schließt sich der Zirkel, denkt Max, nicht alleine, nicht alleine, dreht, dreht, dreht sich sein Kopf, die Sterne am Himmel, dieser verdammte Planet und dieses vermaledeite Universum. Da hat der Urknall Myriaden von Atomen zu dem gefügt was wir sind. Aber uns, im Besonderen den inzwischen verzweifelten Max, uns kriegt es irgendwie nicht zusammen. Zusammenkriegen. Krieg. Mad Max.

Hui, eine gravierende Attacke trunkenen Elends, schwurbelt es in Max’ Kopf. Er verteilt das Bier, das ihm eben in die Hand gedrückt wurde auf die Becher der Umstehenden und verabschiedet sich so freundlich es noch geht, muss los, wir sehen uns, ja war schön, naja, die Musik halte ich nicht aus, sorry.
Er schwankt durch die Menge, Stolpergefahr überall. All. Das huere All isch überall, zitiert er Stiller Has, diesen Berner Troubadour.

Fahrradschloss klemmt, huere Seich, auf den Sattel und im Höllentempo schwankend und vor sich hinfluchend mehr mitten auf der Straße als am Rand, geht eigentlich das Licht? Jajaja, Künstliche Intelligenz schaffen wir, ein zuverlässiges Fahrradlicht nicht. Er könnte noch hierhin, dahin, dorthin. Sich die Seele aus dem Leib ficken. Sex ist überall in dieser Stadt. Überall sind aber auch Viren und Bakterien. Ein Kuss und schon winkt der Seuchendoktor. Nö. Heute nicht. Im Görli könnte er einer POC, Person of Color, Gras abkaufen, denkt er kurz, angesichts des marktschreierischen Angebots; nur drehen, eine Tüte drehen, könnte er wohl nicht mehr. Ihm ist übelst sturm. Ist es wieder mal soweit? Wann hatte er das letzte Mal gekotzt, von zu viel Alk? 1988?
Max schafft es, ohne das Innen nach Außen zu kehren, ins Bett.

Am Morgen ist Sonntag. Um nicht alleine zu sein, könnte er in eine Kirche ein Halleluja singen und Buße tun. Schöpfer, schöpfe mich um. Nur glaubt Max an nichts. Rein gar nichts. Doch, vielleicht glaubt er an die Absurdität der Existenz, besonders angesichts des Existenzdrucks, den er spürt. Wie lange noch, fragte er sich, will ich der Liebe hinterher hecheln? Wann beginne ich zu leben? Aufbruch! Brich auf! Los! Da ist er wieder, der VW-Bus. Aber da sind auch, im Hinterkopf, der See und der dazugehörige Liebhaber.
Zirkelschluss.

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